Zänkische Liebe am Buchloer Gymnasium

Weltklasse Theater auf der Bühne der Schulaula

Suchte man eine Bestätigung dafür, dass sich Gegensätze anziehen, dass Schwere und Leichtigkeit, Liebe und Hass, Freude und Trauer ganz nahe bei einander wohnen, würde man bei Shakespeare fündig. Das an solchen Antithesen reiche, weltberühmte romantische Trauerspiel Romeo and Juliet erzählt die verstörende Geschichte unendlicher Liebe und endlichen Hasses. Den beiden unsterblich Verliebten Romeo und Juliet ist zwar eine hastig heimlich arrangierte kirchliche Trauung gegönnt, doch ihr weiteres Glück fällt der Generationen währenden Todfeindschaft zwischen den Häusern Montague (Romeo) und Capulet (Juliet) zum Opfer. Dieser unheilvolle Zwist wird erst mit den beiden durch tragischen Selbstmord getöteten Liebenden begraben. Es kehrt also Friede in Verona ein, den der Prinz von Verona allerdings nur als „düster“ bezeichnen kann.
Mögen die Themen Liebe, Feindschaft und Friede und der dafür zu zahlende Preis von zeitloser und damit auch aktueller Bedeutung sein, so ist eine solche Tragödie  – zumal wenn sie fast durchwegs in der Originalsprache des vor über 400 Jahre lebenden, größten englischen Dramatikers dargeboten wird –  eine wohl nicht ganz leicht bekömmliche Kost für deutsche (meist jugendliche) Zuschauer. Dass aus der Aufführung eines solchen zeitlich wie sprachlich entrückten Bühnenstücks dann doch ein seltener Augen- und Ohrenschmaus wurde, ist der mitreißenden TNT & ADGE (American Drama Group Europe) unter der Regie von Grantly Marshall, die  am vergangenen Montag in der großen Aula des Buchloer Gymnasiums gastierte, zu verdanken. Wie sich mit einfachen Mitteln, einer äußerst kleinen Theatergruppe und den dadurch bedingten Mehrfachrollen ein, wie es die Süddeutsche Zeitung einmal nannte, Weltklasse Theater produzieren lässt, konnte man an diesem Abend erleben. Die behende Leichtigkeit und forsche Zügigkeit, mit der die Agierenden über die Bühne schwirrten und die Szenen samt Requisiten gekonnt zusammenschoben und zugleich ausdrucksstark kommunizierten, machten die anderthalb Stunden zu einem kurzweiligen Erlebnis. Cliches nicht allzu clichehaft darzustellen ist ein weiteres Markenzeichen dieser überragenden Schauspielgruppe. Mag der draufgängerische, händelsuchende Tybalt aus dem Hause Capulet wie aus einem Holz geschnitzt scheinen, so trägt die aus demselben Geschlecht stammende, in manchen Inszenierungen oft vielleicht zu romantisch verklärt dargestellte Juliet hier durchaus auch schelmisch-kecke Züge.  Dadurch gewann das Stück noch mehr an Lebendigkeit. Dazu trugen sicherlich auch die spektakulären Kampfszenen zwischen Mercutio, Tybalt und Romeo bei, welche aber keinesfalls aufgesetzt oder anbiedernd wirkten.

Besondere Erwähnung verdienen ferner die wunderschönen, teils a-cappella teils mit Instrumentalbegleitung virtuos vorgetragenen Renaissance-Gesänge, welche den Zuschauer zumindest akustisch in das elisabethanische Zeitalter zurückversetzten. All diese erhebenden Eindrücke mögen so manche Besucher mit der Tatsache versöhnen, dass sie Shakespeares Sprache nicht zur Gänze zu verstehen und goutieren konnten.

Ein überragend gelungenes Beispiel dafür, wie im digitalen Zeitalter analog dargebotenes Theater auch an der Schule zu bestechen vermag.

 

(Martin Stenzenberger)